Dedumm. Dedumm. Dedumm.
1980 bis 1998
S-Bahn, Kunst und Spätzle im Niemandsland
Buden, obskure Gestalten, eine verwilderte Brache nahe des Grenzstreifens: Vom einstigen Güterbahnhof Spreeufer im Moabiter Werder ist Anfang der Achtziger Jahre nicht mehr viel übrig.
/ Begrenzt ist das Areal vom S-Bahn-Viadukt. In den markanten S-Bahn-Bögen, die sich durch die Lüneburger Straße ziehen, befinden sich Werkstätten, Lager, ein Fleischgroßhandel und eine Dosenfabrik.
Für die Bundesgartenschau 1991 will der Westberliner Senat aufräumen: Der Flächennutzungsplan 1984 sieht eine Parkanlage, Wohnbebauung, Sport und Kultur vor. Die Gewerbe hingegen sollen verschwinden; einige der Bögen durchbrochen werden, um Straßen zu bauen – auch den Bogen 368, in dem die Firma Schöttle & Benz einen Elektroshop und eine Reparaturwerkstatt betreibt. Die Handwerkskammer ruft die ansässigen Gewerbe zum Einspruch auf – diesem wird entsprochen, und die Stadtbahnbögen in der Lüneburger Straße sind gerettet.
Gleich mehrere dieser Bögen hatte der gebürtige Schwabe und Theaterfreund Berthold Schöttle ab 1980 nach und nach bei der Verwaltungsstelle des ehemaligen Reichsbahnvermögens angemietet. Neben dem Bogen 368 betrieb er im Bogen 390 nebenbei den „Schwaben-Imbiss“, aus dem ab 1995 das schwäbische Restaurant „Weitzmann“ wurde – benannt nach einem schwäbischen Mundartdichter des 19. Jahrhunderts.
Einen anderen Bogen – die Nummer 370 – brauchte er eigentlich nicht. Ihn betrachtete er als „Künstlerbogen“, den er an wechselnde kreative Köpfe vermietete: erst an einen australischen Schauspieler, dann von 1988 bis 1996 an den Maler Attila Richard Lukacs, der hier sein Atelier einrichtete und großformatige Gemälde anfertigte.
Und schon jetzt wurde hier Theater gespielt – sowohl im Weitzmann, laut Berthold der kleinsten Kleinkunstbühne Berlins, als auch im Bogen 370. Ganz ohne Bühne, im leeren Raum, mit ein paar Stühlen für die Gäste.
Dabei waren die Bögen zumindest akustisch kaum für Theater geeignet. Während unten Spätzle gedrückt und Stücke deklamiert wurden, rollte oben die „Taigatrommel“ über die Gleise: Die in der Sowjetunion gebaute Lok der Deutschen Reichsbahn verursachte dank fehlender Schalldämpfer ordentlich Lärm.
Auch die S-Bahn machte sich akustisch bemerkbar: Wo heute eine durchgehende Schiene verläuft, befanden sich damals Gleisstöße, die im Bogen als lautes, rhythmisches Klopfen zu hören waren – nicht ganz ideal, wenn man eigentlich Theater spielen will.
Was soll ich euch sagen, was man damals gehört hat, das war das dedumm, dedumm, dedumm, dedumm, dedumm. Da waren hier oben direkt über uns Gleisstöße. Und das hört man natürlich. … Und im Weitzmann vorne, da ist der Brückenanschluss gewesen. Da sind teilweise solche Lücken gewesen. Das hat dir die Tasse aus der Hand gehauen beim Frühstück. – Berthold
1994 bis 1997 werden das Stadtbahnviadukt und die Gleise in Vorbereitung des neuen Hauptbahnhofs saniert. Aus dem Dedumm wird ein gleichmäßiges Grundrauschen – und später ein unverwechselbarer Bestandteil des Artenschutz Theaters.
[FOTO] Lüneburger Straße [FOTO] Bogen 368 [FOTO] Bogen 370 [PRESSE] taz vom 20.12.2009
„Ich hatte ein Jahr lang Staub auf der Zunge!“
1999 bis 2008
Kussmund, Maultaschen und Schlangenbeschwörung
Treffen sich zwei Schwaben in Berlin. Der eine: sucht ein Theater. Der andere: hat einen S-Bahn-Bogen und ein Restaurant. Und schon lange Lust auf mehr Theater und Kunst.
/ 1988 hatte Albrecht Metzger – Dokumentarfilmer und Moderator des legendären „Rockpalast“ im WDR – die „Schwaben-Offensive“ gegründet, die Kabarett im schwäbischen Dialekt aufführte.
Ich wollte wieder solo Theater machen. Den Schwaben-Imbiss von Berthold kannte ich noch, ich fuhrt dort vorbei, ging hinein und setzte mich. Und wurde direkt von Berthold angesprochen: „Du bist doch der Metzger!“ Ich sagte, ich suche einen Ort, wo man gleichzeitig Theater spielen und ausschenken kann. Es war zwei Uhr nachmittags, aber Berthold erhob sich, ging in die Küche, kam mit einer Flasche Rotwein wieder, stellte sie auf den Tisch und sagte: Reden wir drüber. – Albrecht
Die Idee: Komödien in schwäbischer Mundarte auf die Bühne bringen, dazu – klar – Spätzle, Maultauschen und Trollinger kredenzen. Ein Jahr lang misten die beiden gemeinsam den Bogen 370 aus, bauen eine Bühne, verlegen die Elektrik.
„Es war ein Herzenswunsch von mir. Der Albrecht Metzger, der hat ein Theater gesucht. Ich habe zu ihm gesagt: Ich habe eins, komm mit.“ – Berthold
„Ich hatte ein Jahr lang Staub auf der Zunge!“ – Albrecht
Am 23. April 2001 wird der Verein Artenschutz Theater e. V. im Weitzmann gegründet. Der Name selbst ist eine kleine Berliner Marketing-Legende: Für Anzeigen in tip und zitty brauchte es einen Namen weit vorn im Alphabet, also mit A. Aus „art“ wie Kunst und einem Kussmund im Logo wurde ein doppelter Wortwitz: Mund-Arten. Und eine charmante Idee: Kunst und Mundarten sind schützenswert. Genau wie bedrohte Tierarten. Artenschutz halt.
Die schwäbische Mundart – manchmal auch die bayrische, hessische und österreichische – gibt also den Ton an. Von Juni 2001 bis Dezember 2002 werden vier Theaterstücke inszeniert. Das Stück „INDIEN“ von Josef Hader und Alfred Dorfer kommt als erste eigene Produktion des Artenschutz Theaters auf die Bühne. Von Oktober 2002 bis Januar 2003 spielt Berthold den Wirt, der gleichzeitig bedient; Albrecht führt Regie.
Dazu kommen Gastspiele der Tübinger Kabarettgruppe „Inflagranti“ und des Gelegenheitstheaters Villingen. Der „Club Weitzmann“ veranstaltet das Literarische Bankett – Mundart-Literatur oben auf der Bühne, Vier-Gänge-Menü unten an den Tischen.
Da ist es nur konsequent, mit einem schwäbischen und einem badischen Wagen am Karneval der Kulturen 2002 teilzunehmen – verkleidet als Maultaschen und Trollinger-Weinflaschen, mit Tannenwald und Kuckucksuhr. Dazu rappt man einen Song der Fanstastischen Vier.
2002 feiert das Artenschutz Theater seinen ersten Geburtstag, doch bereits jetzt wird deutlich, wie schwer es ist, einen Kulturbetrieb aufrechtzuerhalten. Berlin boomt, doch die Nische für Mundart-Theater wird immer kleiner. Gäste bleiben aus, für Werbung fehlt das Geld, Förderung gibt es nicht.
Woran es nicht mangelt: Ideen. In diesen Jahren probiert das Artenschutz Theater alles aus, was Spaß macht und Mut zur Bühne hat: Vom Tanztee über Fakir-Shows mit Feuerschlucken und Schlangenbeschwörung, jodelnden Pianistinnen, Burlesque und schwäbischen Zupfkapellen bis hin zum OpenAir. Auch Weihnachtsfeiern, Stadtführungen und Klassenfahrten werden organisiert.
Ebenfalls 2002 erfindet der Koch des Restaurants Weitzmann die offene Kleinkunstbühne Go In. In den kommenden Jahren setzt das Artenschutz immer weniger auf Eigenproduktionen, sondern das, was in Berlin dringend gebraucht wird: Kunstschaffenden eine Bühne bieten, die sonst keine finden. Go In wird zum Fixpunkt für Kleinkunst, Stand-up und Musik – und läuft bis heute, fast 25 Jahre später, an jedem ersten Donnerstag im Monat.
[PLAKAT] Schwaben-Offensive [PRESSE] Tagesspiegel, 19./20.05.2002 [FOTO] Albrecht als Maultasche [FOTO] Go In am 01.03.2012
Neuer Klang in alten Hallen
2009 bis 2019
Funky Moabit, Made in Berlin & jede Menge Jam-Sessions
2009 markiert einen Wendepunkt: Der Artenschutz Theater e. V. übernimmt den Mietvertrag für die S-Bahn-Bögen 369 und 370.
/ Albrecht scheidet aus dem Theater aus, Berthold ist noch als Helfer aktiv. Neue Vereinsmitglieder und Ehrenamtliche bringen neuen Schwung – weiterhin mit dem Anspruch, allen Kunst-Arten eine Heimat zu geben, unabhängig von Stil, Herkunft oder Bekanntheitsgrad.
Statt auf Sprechtheater und deftige Küche setzt das Artenschutz immer mehr auf Musik, Kleinkunst und Impro und wandelt sich zu einem Ort, der anderen die Bühne überlässt – vor allem der Musik.
2009 startet mit Funky Moabit eine der am längsten laufenden Reihen des Hauses, eine Jam-Session des damaligen Vorstandsmitglieds Chris Krauss, die bis März 2020 an jedem zweiten Donnerstag im Monat läuft. 2010 kommen gleich zwei weitere feste Reihen hinzu: Made in Berlin, eine Akustik-Musikreihe für Singer-Songwriter von Mirjam Reineke, mit ihrer charakteristischen projizierten Berlin-Kulisse auf der Bühne, sowie die Blues Academy von Franz de Byl. Es folgen die Musikerbörse mit Frank Heberlein und Andy Robson’s Monthly Blues & Rock Jam Session. Roberto Badoglio startet im Januar 2016 Robertos Jazz & Fusion Jam Session – sie gibt es bis heute an jedem letzten Donnerstag im Monat.
Dennoch bleibt das Artenschutz seinen Theaterwurzeln treu. 2014 startet mit Auf keinen Fall mit Eckhard eine feste Improtheater-Reihe mit Volker Recknagel und Christoph Hamm. Go In bleibt als offene Kleinkunstbühne fester Programmpunkt.
Und auch sonst geht das Artenschutz mit der Zeit: 2011 startet das Artenschutz seinen eigenen Facebook-Account, 2015 geht die Internetseite an den Start. Der Brandschutz wird modernisiert, und das Artenschutz erhält eine eigene Schankerlaubnis. Die Mitgliederzahl wächst in dieser Zeit auf ihren bisherigen Höchststand von 52, die Zahl der Veranstaltungen kletterte 2013 auf 148 im Jahr.
[FOTO] Funky Moabit [FOTO] Made in Berlin, 26.04.2012
[PRESSE] Berliner Morgenpost, 29.01.2014
[VIDEO] Moabit TV Folge 6 – Artenschutztheater zu Gast bei Kapitän Kiez, 05.02.2011
Nie nur ein Wortspiel
2020 – heute
Zäsur und Erholung: Ein Theater überlebt
Wie für viele andere Veranstaltungshäuser war die Corona-Pandemie der wohl tiefste Einschnitt in der Geschichte des Artenschutz Theaters.
/ Von März 2020 bis September 2021 bleibt es – bis auf wenige, vereinzelte Veranstaltungen – auf der Bühne still. Gleichzeitig markiert die Pandemie einen Generationswechsel: Viele, die den Verein über Jahre getragen hatten, können aus Alters- oder finanziellen Gründen nicht mehr weitermachen. Viele in den Vorjahren gestartete Reihen – wie Funky Moabit oder Auf alle Fälle mit Eckhard – überleben diese Zäsur nicht.
Doch das Theater überlebt, und nicht alle Reihen sind „tot“. Go In und Robertos Jazz & Fusion Jam Session leben weiter. Die „alten Hasen“ der zweiten Generation machen hartnäckig weiter. Neue Ehrenamtliche aus allen Teilen Berlins und sogar aus Potsdam steigen ein.
Schritt für Schritt füllt sich das Artenschutz wieder mit Leben: 2022 werden Saal, Küche und Toiletten umgebaut. 2023 bekommt das Theater seinen eigenen Newsletter und 2024 einen Instagram-Account. Franz de Byl startet mit EXITreverse & ShowCase ein neues Musikformat.
Die Erholung zeigt sich in Zahlen: Nach dem Corona-Tief klettert die Veranstaltungszahl bis 2023 bereits wieder auf 88, die Mitgliederzahl auf 40.
Heute ist das Artenschutz Theater vor allem eines: ein Ort für Konzerte und Partys, ergänzt um Kleinkunst, Impro, Stand-up und Workshops – bunt gemischt, ganz in der Tradition von GO IN. Was sich all die Jahre nicht verändert hat, ist der Kern: Kunst ermöglichen, Künstler:innen eine Bühne bieten, die sonst keine bekommen – nicht-kommerziell, ehrenamtlich, mit Herzblut und hemdsärmeligem Anpacken. Der Name Artenschutz Theater war nie nur ein Wortspiel.
[VIDEO] 30 Dinge, die Moabit besonders machen – rbb, 28.06.2026, ab 1:25:44
